Auf vielen Pflanzenölen steht „kaltgepresst" - aber was bedeutet das eigentlich? Worin unterscheidet sich ein kaltgepresstes Öl von einem raffinierten? Und warum ist das Herstellungsverfahren gerade bei empfindlichen Ölen wie Nachtkerzenöl und Schwarzkümmelöl so wichtig?
Was „kaltgepresst" bedeutet
Kaltpressung (auch „Kaltextraktion" oder „mechanische Pressung") ist ein Verfahren, bei dem Ölsaaten - also die Samen einer Pflanze - rein mechanisch in einer Schneckenpresse oder Stempelpresse ausgepresst werden. Die entscheidenden Merkmale:
- Die Temperatur bleibt während des gesamten Pressvorgangs unter 40 °C. In der Praxis liegt sie oft bei 25-35 °C
- Es werden keine Lösungsmittel eingesetzt (kein Hexan, kein Ethanol, keine chemischen Hilfsstoffe)
- Das gewonnene Öl wird nicht raffiniert - es durchläuft keine Bleichung, Desodorierung oder chemische Aufbereitung
- Das Ergebnis ist ein natives Öl, das die natürliche Zusammensetzung der Samen weitgehend beibehält
Die Kaltpressung hat einen Nachteil: Die Ölausbeute ist geringer als bei der Heißextraktion. Es bleibt mehr Öl im Presskuchen zurück. Das macht kaltgepresste Öle teurer in der Herstellung.
Was bei der industriellen Extraktion anders läuft
Die meisten Pflanzenöle, die wir im Alltag kennen - Sonnenblumenöl, Rapsöl, Sojaöl - werden nicht kaltgepresst, sondern industriell extrahiert. Das Verfahren unterscheidet sich grundlegend:
Schritt 1: Lösungsmittelextraktion. Die Ölsaaten werden mit Hexan (einem Kohlenwasserstoff-Lösungsmittel) behandelt. Das Hexan löst das Öl aus den Zellen und wird anschließend durch Erhitzen wieder entfernt. Die Temperaturen in diesem Schritt liegen bei 60-80 °C.
Schritt 2: Raffination. Das Rohöl wird in mehreren Schritten aufbereitet: Entschleimung (Entfernung von Phospholipiden), Entsäuerung (Neutralisation freier Fettsäuren), Bleichung (Entfernung von Farbstoffen und Verunreinigungen) und Desodorierung (Entfernung von Geruchs- und Geschmacksstoffen bei 200-270 °C).
Das Ergebnis: Ein farbloses, geruchloses, geschmacksneutrales Öl mit sehr langer Haltbarkeit. Für Speiseöle in der Massenproduktion ist das ein gewolltes Ergebnis. Für empfindliche Spezialöle wie Nachtkerzenöl oder Schwarzkümmelöl gehen bei diesem Verfahren jedoch wertvolle Inhaltsstoffe verloren.
Warum Temperatur bei mehrfach ungesättigten Fettsäuren entscheidend ist
Der Schlüssel liegt in der chemischen Struktur: Mehrfach ungesättigte Fettsäuren (PUFAs - Polyunsaturated Fatty Acids) wie Gamma-Linolensäure (GLA) und Linolsäure enthalten mehrere Doppelbindungen in ihrer Kohlenstoffkette. Diese Doppelbindungen sind chemisch reaktiv - und genau das macht sie anfällig für Oxidation.
Drei Faktoren beschleunigen die Oxidation:
- Hitze: Jede Temperaturerhöhung beschleunigt die Oxidation exponentiell. Bei den 200-270 °C der Desodorierung werden ungesättigte Doppelbindungen angegriffen und können in Transfettsäuren oder Oxidationsprodukte umgewandelt werden
- Sauerstoff: Kontakt mit Luftsauerstoff löst eine Kettenreaktion aus (Lipidperoxidation), bei der freie Radikale entstehen
- Licht: UV-Strahlung beschleunigt die Photooxidation, besonders bei Ölen in Klarglas oder Plastikflaschen
Bei der Kaltpressung bleibt die Temperatur unter 40 °C - weit unterhalb des Bereichs, in dem signifikante Oxidation eintritt. Deshalb bleiben bei kaltgepressten Ölen die temperatursensitiven Fettsäuren wie GLA weitgehend intakt.
Qualitätsmarker: Woran man Ölqualität messen kann
In der Ölanalytik gibt es zwei wichtige Kennzahlen, die den Oxidationsgrad eines Öls beschreiben:
Peroxidzahl (PV): Misst die primären Oxidationsprodukte (Peroxide). Ein niedriger Wert zeigt, dass das Öl noch frisch und wenig oxidiert ist. Für native Pflanzenöle gilt ein Richtwert von unter 10 meq O₂/kg als gut.
Anisidinzahl (AV): Misst die sekundären Oxidationsprodukte (Aldehyde), die bei fortgeschrittener Oxidation entstehen. Ein niedriger Wert zeigt, dass das Öl auch über die Zeit stabil geblieben ist.
In Kombination ergeben diese beiden Werte den sogenannten TOTOX-Wert (Total Oxidation Value = 2 × PV + AV), der den Gesamtoxidationsgrad beschreibt. Für hochwertige Supplement-Öle sollte der TOTOX-Wert möglichst niedrig sein.
Kaltpressung bei Nachtkerzenöl
Nachtkerzenöl enthält 70-94 % mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Linolsäure + GLA). Damit gehört es zu den oxidationsempfindlichsten Pflanzenölen überhaupt. Zum Vergleich: Olivenöl enthält nur etwa 10 % PUFAs.
Bei einem Öl mit diesem Fettsäureprofil macht das Herstellungsverfahren einen messbaren Unterschied: Kaltgepresstes Nachtkerzenöl behält seine natürliche GLA-Konzentration, seine Farbe (leicht gelblich) und seinen milden Geruch. Extrahiertes und raffiniertes Nachtkerzenöl kann zwar günstiger produziert werden, verliert aber potenziell einen Teil seiner empfindlichen Fettsäuren durch die Hitzebehandlung.
Unsere Bio-Nachtkerzenöl Kapseln enthalten kaltgepresstes Öl aus kontrolliert biologischem Anbau. Die HPMC-Kapselhülle bietet zusätzlichen Oxidationsschutz, da das Öl luftdicht eingeschlossen ist.
Kaltpressung bei Schwarzkümmelöl
Auch beim Schwarzkümmelöl (Nigella sativa) ist die Kaltpressung entscheidend - und zwar nicht nur wegen der Fettsäuren. Schwarzkümmelöl enthält neben Linolsäure den sekundären Pflanzenstoff Thymochinon, der als charakteristischer Bestandteil des ätherischen Ölanteils im Schwarzkümmelöl intensiv erforscht wird.
Thymochinon ist flüchtig und hitzeempfindlich. Bei der Heißextraktion und insbesondere bei der Desodorierung kann ein erheblicher Teil des Thymochinons verloren gehen. Kaltpressung erhält den natürlichen Thymochinon-Gehalt des Öls.
Begriffe: „Nativ" vs. „kaltgepresst" vs. „virgin"
Im Sprachgebrauch werden diese Begriffe oft synonym verwendet, aber es gibt feine Unterschiede:
- Kaltgepresst: Beschreibt das mechanische Pressverfahren ohne externe Wärmezufuhr. In der EU ist der Begriff für Speiseöle nicht streng reguliert (anders als bei Olivenöl)
- Nativ: Bedeutet, dass das Öl nach der Pressung nicht raffiniert wurde - also keine Bleichung, Desodorierung oder chemische Aufbereitung durchlaufen hat. „Nativ" ist die stärkere Qualitätsaussage
- Virgin / Extra Virgin: Primär bei Olivenöl reguliert (EU-Verordnung 29/2012). „Extra vergine" bedeutet kaltgepresst, nativ und mit einer freien Fettsäure unter 0,8 %. Für andere Öle gibt es keine vergleichbare gesetzliche Definition
Bei Vitalöl-Supplementen empfehlen wir, auf die Formulierung „kaltgepresst" in Kombination mit einer Bio-Zertifizierung und einem unabhängigen Laborzertifikat zu achten. Die Bio-Zertifizierung stellt sicher, dass der gesamte Herstellungsprozess kontrolliert wurde. Das Laborzertifikat belegt, dass das fertige Produkt die versprochene Qualität auch tatsächlich einhält.
Warum nicht jedes „kaltgepresste" Öl gleich ist
Selbst innerhalb der Kategorie „kaltgepresst" gibt es Qualitätsunterschiede. Die Ölqualität hängt nicht nur vom Pressverfahren ab, sondern auch von:
- Saatgut-Qualität: Bio-Saatgut aus kontrolliertem Anbau vs. konventionell angebaute Samen mit potenziellen Pestizidrückständen
- Pressgeschwindigkeit: Schnelle Pressung erzeugt mehr Reibungswärme als langsame. „Kaltgepresst" heißt unter 40 °C, aber 28 °C und 39 °C sind nicht dasselbe
- Lagerung nach der Pressung: Ein frisch gepresstes Öl, das sofort in lichtgeschützte Behälter abgefüllt wird, hat eine andere Qualität als eines, das stundenlang Luft und Licht ausgesetzt war
- Füllverfahren: Abfüllung in HPMC-Kapseln unter Schutzatmosphäre (Stickstoff) vs. Abfüllung in Glasflaschen mit Luftkontakt
All diese Faktoren zusammen bestimmen die Gesamtqualität des Öls. Die Kaltpressung ist eine notwendige, aber allein nicht ausreichende Bedingung für ein hochwertiges Öl.
Häufige Fragen zur Kaltpressung
Was bedeutet „kaltgepresst" bei Ölen genau?
Kaltgepresst bedeutet, dass das Öl durch mechanische Pressung gewonnen wurde, ohne externe Wärmezufuhr und ohne chemische Lösungsmittel. Die Temperatur bleibt während des gesamten Pressvorgangs unter 40 °C. Dadurch bleiben temperaturempfindliche Inhaltsstoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe weitgehend intakt.
Ist kaltgepresstes Öl immer besser als raffiniertes?
Für die Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel oder in der Hautpflege: ja. Kaltgepresste Öle behalten ihre natürliche Zusammensetzung, einschließlich empfindlicher Fettsäuren und Begleitstoffe. Raffinierte Öle haben dagegen Vorteile beim Kochen bei hohen Temperaturen (höherer Rauchpunkt) und bei der Haltbarkeit. Für Nachtkerzenöl und Schwarzkümmelöl, die nicht erhitzt werden sollten, ist Kaltpressung klar vorzuziehen.
Woran erkenne ich echte Kaltpressung?
Ein sicherer Indikator ist die Kombination aus drei Merkmalen: (1) Die Angabe „kaltgepresst" oder „nativ" auf dem Etikett, (2) eine Bio-Zertifizierung mit nachprüfbarer Kontrollnummer, die den gesamten Herstellungsprozess dokumentiert, und (3) ein unabhängiges Laborzertifikat, das die Fettsäure-Zusammensetzung und Schadstofffreiheit bestätigt. Fehlt eines dieser drei Merkmale, lässt sich die Qualitätsaussage nicht objektiv überprüfen.
Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung sowie eine gesunde Lebensweise. Die empfohlene tägliche Verzehrmenge darf nicht überschritten werden.
Zuletzt aktualisiert: März 2026